Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for Juni 2010

Wir geben hier einen Vortrag von Dr. Erhard Eppler aus dem Jahre 2002 wieder, in dem wunderbar demonstriert wird, dass wir ab jetzt vermehrt das Wort „zukunftstauglich“ verwenden sollten. Danke Herr Dr. Eppler, wir haben auch schon nach Alternativen des fast „verbrauchten“ und inflationären Wort „nachhaltig“ gesucht.

Aufgaben von Politik und Wissenschaft zur Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung – aus der Sicht der Politik
Dr. Erhard Eppler, Bundesminister a.D.

Ich möchte beginnen und enden mit einer sprachgeschichtlichen und sprachkritischen Bemerkung. Das Wort Entwicklung – und noch Gustav Heinemann sprach von ‚Entwickelung’ – ist wie in anderen europäischen Sprachen in Deutschland im 18. Jahrhundert entstanden. Dieses Wort signalisierte ein völlig neues Verständnis von Geschichte. Noch im 17.Jahrhundert galt Geschichte als eine Sammlung von Anekdoten, Daten,  Herrschern, Kuriositäten, Katastrophen –meist allegorisch gedeutet oder moralisch zensiert. Das Wort Entwickelung spiegelte dagegen Geschichte wider als ein dem Biologischem analoger Vorgang in Form der Entwickelung einer Blüte oder eines Blattes aus einer Knospe. Zum ersten Mal erschien Geschichte in Analogie zur Biologie. So betrachtet, entwickelte sich jedes Volk zu unterschiedlichen Zeiten, entfaltete das, was in ihm an kulturellen, politischen und ökonomischen Keimen angelegt war. Entwickelung hatte demnach eine gewisse Eigendynamik und innere Notwendigkeit. Sie war im Kern richtig, heilsam, vernünftig und deshalb war sie auch Fortschritt. Das heißt, die Begriffe der Entwicklung und des Fortschritts sind gemeinsam im 18. Jahrhundert entstanden. Wenn man damals oder auch noch 1965 von „sustainable development“als nachhaltiger Entwicklung gesprochen hätte, so hätte dies niemand verstanden. Denn die heutige Bedeutung des Wortes Nachhaltigkeit war im ursprünglichen Begriff von Entwicklung als selbstverständlich enthalten. Wenn ein Vorgang vernünftig, heilsam, fortschrittlich ist, dann ist er als logische Konsequenz auch durchhaltbar – und dies ist die eigentliche deutsche Übersetzung für das Wort sustainable. Dann handelt es sich um eine Entwicklung, die nicht in ihrem eigenen Kot erstickt, sondern die weitergehen kann. Entwicklung war demnach lange Zeit sustainable – da gab es keinerlei Zweifel.

Entwicklung wurde sogar, was dem biologischen Ursprung nicht entsprach, als etwas Unbegrenztes, Unendliches verstanden. Der Begriff der Nachhaltigkeit entstand auf andere Weise. In derdeutschen Sprache tauchte er zum ersten Mal im Jahre 1713 imBereich der Forstwirtschaft auf. Zu dieser Zeit gab es in Deutschland riesige kahlgeschlagene Flächen, der südliche Schwarzwald z.B. war praktisch kahl. Ein berühmter Abt St. Blasien stellte damals fest, dass es so nicht weiter gehen konnte, dass die Köhler auf diese Weise die Wälder nicht länger abholzen können. DieseFeststellung, dass es so nicht weitergehen konnte, begründete den Begriff der Nachhaltigkeit. Gemeint war: ‚Ihr dürft nie mehr einschlagen als nachwächst. Ihr müsst sehen, dass auch Eure Kinder noch Holz haben.’ Die Entwicklung des Waldes war also nicht sustainable.

Der Begriff der Entwicklung dagegen enthielt das Gefühl, dass Fortschritt immer in gewohnter Weise weitergehen kann, ziemlich genau bis in das Jahr 1972. Das erste Signal, dass Entwicklungauch in Katastrophen führen kann, dass sie gerade nicht weitergeht, dass sie im eigenen Dreck stecken bleibt, dass sie die Ressourcen erschöpft, dieses Signal gab der erste Bericht des Club of Rome 1972. Seine Botschaft ist damals wahrscheinlich absichtlich missverstanden worden. Es handelte sich nicht um die Ankündigung von Katastrophen, sondern um die Feststellung: „Wenn Ihr weiter so vorgeht wie bisher, wenn Ihr Zukunft nur als Fortschreibung der Trends der Gegenwart versteht, dann geht es schief“. Von diesem Zeitpunkt an begann das Nachdenken darüber, wie es denn nicht schief gehen könnte, wie eine Entwicklung aussehen könnte, die sustainable ist. Ich habe damals behauptet und behaupte bis heute: es war eine entscheidende Zäsur, dass hier zum ersten Mal klar wurde, dass die Fortschreibung unseres bisherigen Tuns nicht nur zu einer schlechten, sondern zu überhaupt keiner Zukunft führt. Wir müssen also politisch umsteuern, wir müssen die Entwicklung so steuern, dass sie sustainable, also durchhaltbar wird. Das alte Prinzip des Vorsorgens und Steuerns erhielt den dramatischen Akzent, dass ein Nicht-Steuern ins Unheil führt. Das Bewusst werden dieser Zäsur hat sich bis heute noch nicht voll durchgesetzt, weder in Deutschland noch in einem anderen Land. Noch heute kann man von Leuten hören, dass für sie Entwicklung an sich Fortschritt ist, der keiner Steuerung bedarf und dem Marktüberlassen werden kann. Meistens wird dies noch ergänzt um die Bemerkung, was die Technik an Problemen schafft, wird die Technik auch wieder bewältigen’.

In den Vereinigten Staaten von Amerika findet man heute eine regelrechte Gegenbewegung gegen die Erkenntnis von 1972.  So tut Präsident Bush einen Bericht seiner eigenen Regierung über die Folgen des Klimawandels und die Folgen ökologischer Zerstörung einfach als Bürokatengeschwätz ab! Er bringt kein Argument, sondern sagt nur, so etwas können nur Bürokraten machen, der Politiker weiß, dass der Markt die Dinge in Ordnung bringt. Heute wird oft behauptet, dass es keine klaren politischen Fronten mehr gäbe. Ich behaupte, es gibt sehr klare politische Fronten, nämlich zwischen einer Politik der sustainability und einem Neoliberalismus, der alles an den Markt zu delegieren versucht. Wenn man in Deutschland schon die Ökosteuer, die ein rein marktwirtschaftliches Instrument ist, als Dirigismus abtun kann, dann istdies der Kampf des Neoliberalismus gegen jede Form von sustainable development. Die Öffentlichkeit bemerkt dies nicht. Ich behaupte, wenn in den vergangenen zehn Jahren die Ökologie als Thema in den Hintergrund gedrängt worden ist, dann ist dies weltweit geschehen durch die neoliberale Welle. Für den Neoliberalismus ist jede ökologische Vorsorgepolitik  Dirigismus, Regulierung – und dieser muss dereguliert werden. In Europa hat sich dieser Neoliberalismus verbunden mit dem Populismus, der gesamteeuropäische Rechtspopulismus ist erstens neoliberal im Sinne der Delegation von Politik an den Markt, pfeift zweitens auf sustainability, ist antiökologisch und drittens mobilisiert er die im Augenblick vorhandenen Ressentiments gerade gegen jede Politik der sustainability.

Ich möchte noch eine ideologiekritische Bemerkung über einen Umstand machen, der mich immer wieder fasziniert. Diejenigen, die wie Präsident Bush heute als Konservative das Thema sustainability an den Markt delegieren und damit eigentlich annullieren wollen, bedienen sich ideologisch der Klischees der europäischen Linken von 1890. Dies meint einen nicht hinterfragbaren Fortschrittsglauben nach dem Schema „Die Entwicklung wird schon gut gehen“.  Diese Einstellung der Linken aus der damaligen Jahrhundertwende hat nun die konservative Seite übernommen, weil sie auf diese Weise mit gutem Gewissen politische Aufgaben an den Markt delegieren kann und sich dem Thema der sustainability nicht zu stellen braucht. Politik soll in diesem Falle nicht Zukunftsvorsorge betreiben und sustainability garantieren. Sie soll vielmehr den Emotionen des Augenblicks folgen, auf den Markt vertrauen und Rücksicht auf die mächtigste Lobby nehmen. Ich behaupte, an der Frage der sustainability wird entschieden werden, ob Politik künftig mehr sein kann als Verwaltung plus Machtmanagement oder genauer gesagt, ob Politik überhaupt noch möglich ist. So behaupte ich weiter, dass eine Politik der sustainability wahrscheinlich nur eine Chance hat, wenn sie sich ausweitet auf andere Politikfelder wie das der Finanzen, ökonomischen Wettbewerbsfähigkeit, der Sozialsysteme, der Integration von Fremden und auch der Sicherheit.

Wenn heute dagegen versucht wird, „security first“zu etablieren, dann ist dazu erstens zu sagen, dass security ja gerade sustainability impliziert. Wir werden nicht sicher sein ohne eine nachhaltige Politik. Zweitens bin ich der Meinung, dass sich derNeoliberalismus ad absurdum führen wird dadurch, dass er nicht nur die Müllabfuhr und vielleicht die Wasserversorgung, sondern auch die Gewalt privatisiert. Wir leben heute weltweit in einem Prozess der Kommerzialisierung und Privatisierung von Gewalt, die in Teilen dieser Erde bereits zum Ende von Staaten geführt hat. Die Bundesregierung hat in einem 328-seitigen Bericht über die Nachhaltigkeit ihrer Politik berichtet. Dieser betrifft die verschiedensten Felder und berührt das Staatsangehörigkeitsgesetz, das Zuwanderungsgesetz, die Rentenreform oder die Energiewende. Das Eigentümliche ist, was da steht, stimmt sogar. Diese Regierung hat wirklich das Thema Nachhaltigkeit viel ernster genommen als alle zuvor.  Sie hat sehr viele unpopuläre Schritte unternommen wie zum Beispiel die Einführung der Ökosteuer (Stand 2002) und das Staatsangehörigkeitsgesetz. Was sie nach meiner Überzeugung nicht ausreichend getan hat, ist, dies so offensiv als Politik der sustainability zu vertreten, dass sich dadurch die Kategorien der Bewertung in der Öffentlichkeit verändert hätten. Im Augenblick erleben wir, dass eine Politik der sustainability nach Kriterien bewertet wird, die damit überhaupt nicht zu tun haben. Dies meint konkret, dass es in zehn Jahren keinen Menschen mehr interessiert, ob das Wirtschaftswachstum im Jahre 2002 nun 0,7 oder 0,9 oder 0,5 % betragen hat. Was aberdie Menschen noch interessieren wird, wird sein, dass in dieser Regierungszeit die Energiewende stattgefunden hat und zwar hinzu alternativen Energiequellen, weg von der Atomenergie und wenn das geht, auch weg von Kohle und Öl.

Das sind Dinge, diebleiben, sie sind historisch bewertbar. Im Augenblick wird diese Regierung nur danach beurteilt, welches Wirtschaftswachstum zu verzeichnen ist, obwohl jedermann weiß, dass eine Regierung daran ohnehin nichts ändern kann. Das heißt, die Schwierigkeit liegt darin, dass hier eine Regierung wirklich versucht hat, sustainability zum Thema zu machen ohne die öffentliche Beurteilung wirklich zu verändern. Zur Aufgabe der Wissenschaft kann ich sagen, dass sie für das Thema sustainability mehr geleistet hat, als für politisches Handeln nötig wäre. Als ich 1972 zu diesem Thema sprach, gab es noch keine wissenschaftlichen Quellen. Heute existieren ganze Bibliotheken solider Literatur und sogar zusammenfassende Arbeiten, die diese ganzen Bibliotheken ausgewertet haben. Die Wissenschafthat sehr wohl ihre Arbeit getan –auch in den Vereinigten Staaten, aber wenn die Politik sagt, dass sie sich darum nicht kümmert und notfalls hofft, dass doch irgendjemand ein Gegengutachten anfertigt und sagt, dass der Klimawandel doch eigentlich gar nicht stattfindet oder wenn, dann nicht hausgemacht ist, dann ist natürlichdie Wissenschaft sehr hilflos. Die Politik der sustainability wurde immer wieder angeheizt durch Katastrophen wie durch Stürme, durch Tankerhavarien, durchTschernobyl, durch BSE – und in diesen Fällen kommt auch immerdie Wissenschaft zu Wort. Wenn Katastrophen stattgefunden haben, gibt es immer einen Schub für eine Politik der Zukunftstauglichkeit, dann sind Veränderungen immer relativ schnell möglich.

Zum Schluss noch eine sprachkritische Bemerkung: Ich habe gesagt, das Wort nachhaltig entstammt der Forstbürokratie des 18. Jahrhunderts. Wie aus Umfragen hervorgeht, kann etwa die Hälfte der Deutschen nichts damit verbinden. Und von daher ist dieses Wort politisch eigentlich nicht brauchbar. Es hat immer noch seinen bürokratischen Geruch. Es ist ein Wort, dem jede Dramatik fehlt. Das Wort sustainable kommt vom lateinischen sustinire – aufrechterhalten. Etwas, was nicht sustainable ist, ist eben nicht aufrecht zu erhalten. Damit ist es eine dramatische Feststellung, das etwas nicht sustainable ist. Wenn ich sage, es ist nicht nachhaltig, dann ist das keine dramatische Feststellung – sondern eigentlich eine verharmlosende Feststellung. Des weiteren ist das Wort nachhaltig als Adjektiv nur begrenzt verwendbar. Ich kann zwar von sustainable Britain sprechen, aber ich kann nicht vom nachhaltigen Deutschland reden.

Was wir brauchen, wäre eine Übersetzung von sustainable Netherlands/Britain u.ä. und das kann nicht nachhaltig sein, weil nachhaltig in dieser Form nicht brauchbar ist. Wuppertaler Wissenschaftler haben es mit „zukunftsfähig“ übersetzt, ich würde die Formulierung „zukunftstauglich“ vorziehen. Was wir brauchen, ist ein zukunftstaugliches Land. Ein Land, das taugt, die Zukunft zu bewältigen. Und wenn es gelingt, eine Politik für ein zukunftstaugliches Deutschland zu formulieren, dann entstehtauch die Chance, mit einem billigen Populismus fertig zu werden.

Aus: Erhard Eppler: Der Politik aufs Maul geschaut. Kleines Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch, 192 Seiten. Broschiert. 14,80 Euro. ISBN 978-3-8012-0397-9 Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2009

Anmerkung:
Wie schon erwähnt stammt der Vortrag aus dem Jahre 2002.
Hat sich etwas Substantielles in den letzten acht Jahren verändert?

Advertisements

Read Full Post »